mühelosigkeit

Manchmal gibt es innere Impulse, die einen antreiben, etwas zu tun. Diesen Impulsen zu folgen, ohne Erwartungen, bringt manche Überraschung. Im Leben gibt es kein Richtig und Falsch. Es gibt viele Wege, denen man folgen kann. Das Leben ist Vielfalt und Bewegung. Kommt man aus der Wertung, eröffnen sich unendliche Möglichkeiten und Erkenntnisse. Handelt man in einer Haltung der Mühelosigkeit, fliesst das Leben auf natürliche Weise. Die wesentlichen Dinge geschehen von allein.

DER INNEREN STIMME FOLGEN

Manchmal höre ich meine innere Stimme. Sie spricht nicht laut zu mir. Sie ist eher ein Impuls, der mich leitet, etwas Bestimmtes zu tun. Diesen Impuls hatte ich, als ich einen Artikel auf lebensrichtig.de gelesen habe. Ich weiss gar nicht mehr, um was es da ging. Aber da war etwas, das mich angezogen hat. Beim weiteren Stöbern hab ich dann entdeckt, dass eine Art Retreat angeboten wird. Eine Auszeit am Berg, um den Götterfunken zu entzünden, wie es in der Beschreibung heisst. Nun, mit den Göttern habe ich es nicht so. Und mein inneres Feuer brennt. Aber eben, da war mein Impuls. Geh dahin, da ist etwas, das sich zu entdecken lohnt.

So habe ich mich also auf die Reise nach Andalusien begeben. Ins Land des Lichts, passt immerhin zum Funken. Ohne Erwartungen, aber mit einer gewissen Neugier. Das ist so meine Art und Weise, Dinge zu erleben und zu erfahren. Ins kalte Wasser springen, im Wissen, dass ich schwimmen kann.

Der Rückzugsort präsentierte sich dann als wunderschönes Haus. Huertas del Algarrobal, Gemüsegarten des Johannisbrotbaums. Umgeben von einer grosszügigen Plantage voller Oliven, Orangen, Zitronen, Avocados, Granatäpfeln und weiteren Köstlichkeiten, eingebettet in ein liebliches Tal, mit Blick auf’s glitzernde Meer und zwergige Berge. Bevölkert von einer lustigen Katzenbande und einem kleinen kuschligen Hund mit mutigem Herz.

RICHTIG LEBEN

Nach und nach lernte ich die Menschen am Berg kennen, die lebensrichtig.de und Huertas del Algarrobal betreiben. Sie bilden mit anderen zusammen eine Art Gemeinschaft, in die jede und jeder die eigene Sichtweise der Dinge und des Lebens einbringt.

Im Laufe meines Aufenthalts diskutierten, kommunizierten, schwiegen und lachten wir gemeinsam. Begegneten uns als Menschen. Tauschten unsere Erfahrungen, Standpunkte und Sichtweisen aus. Es war äusserst interessant und hat mir wieder einiges an Erkenntnissen gebracht.

Die wichtigste war, es gibt kein richtig und kein falsch. Alles hängt von der Betrachtungsweise ab. Vielleicht ist es für dich momentan richtig, barfuss zu joggen. Für jemand anderen ist es falsch. Vielleicht ist es für dich im Moment richtig, kein Fleisch zu essen. Für jemand anderen ist es falsch. Richtig und falsch sind Bewertungen, die auf bestimmten Annahmen oder Glaubenssätzen gründen.

Glaubenssätze lassen uns etwas Bestimmtes glauben. Beispielsweise, dass ein Leben in einer bestimmten Art von Gemeinschaft richtig ist. Oder dass eine bestimmte Art der Lebenseinstellung richtig ist. Nun, das ist eine persönliche Sichtweise, gegründet auf Erfahrungen und Erkenntnissen. Die Intention mag gut sein, denn auf der Erde scheint vieles verbesserungswürdig. Aber vielleicht ist alles vollkommen so wie es ist?

MENSCHEN UND IHRE GESCHICHTEN

Betrachtet man nämlich Vollkommenheit von einer anderen Warte aus, eröffnen sich ganz neue Horizonte. Hierzu folgendes Beispiel. Ein Junge wird ohne Arme und Beine geboren. Mutter wie Vater sind schockiert. Das Umfeld ebenso. In der Schule hat der Junge einen schweren Stand. Sein Aufwachsen ist geprägt vom Gefühl der Wertlosigkeit. Irgendwann begreift dieser Mensch, dass er in sich vollkommen ist. Er bewertet seine körperliche Einschränkung nicht mehr. Er akzeptiert sich so, wie er ist, erkennt Tendenzen und wird zum gefragten Redner und Motivationstrainer. Seine Geschichte hat eine drastische Wendung genommen.

Auch wir leben in unseren Geschichten. Jeden Tag denken wir uns ganz viele davon aus. Kaum sind wir in einer bestimmten Situation, geht’s schon los mit der Bewertung. Uh, diese Situation ist jetzt aber ziemlich anstrengend. Das passt mir überhaupt nicht. Ah, dieser Mensch ist doch völlig daneben. Was erlaubt der sich eigentlich? Wir werten ununterbrochen und möchten immer alles so haben, wie wir uns das vorstellen. Wir handeln nicht spontan, sondern lassen uns leiten von Bewertungen.

HANDELN DURCH NICHTHANDELN

Aber das Leben kennt keinen Wert und keine Bewertung. Es fliesst einfach, ununterbrochen. Es zerstört und gebiert. Wespen essen Bienen. Bienen bestäuben Blumen. Ziegen fressen Blumen. Flöhe saugen an Ziegen. Ziegen zertrampeln Wespen. Alles ist in einem vollkommenen Kreislauf. Es gibt kein richtig und kein falsch. Die Lebewesen handeln natürlich und den Umständen entsprechend.

Wenn man als Mensch nicht mehr bewertet, ist man frei, das Leben fliessen zu lassen. Man kommt in den Zustand von Wu Wei, (chinesisch 無為 / 无为, Pinyin wúwéi), dem daoistischen Prinzip „Handeln durch Nichthandeln“. Wu Wei basiert auf Dao, dem umfassenden Ursprung und Wirkprinzip, das die Ordnung und Wandlung der Dinge bewirkt. Es gilt als vollkommen und handelt spontan.

Im Daoismus gilt die Vollkommenheit als leer, weich und spontan. Entsprechend sollte auch das Handeln sein. Das heisst, der dualistische Intellekt greift nicht ein. Man passt sich der Situation an und handelt intuitiv. Beschränkt sich auf die geeigneten Umstände und Mittel. Die beste Übersetzung des Begriffes Wu Wei wäre somit „Nicht-Eingreifen“ bzw. „Handeln durch Nicht-Handeln“. Das Handeln ist quasi eine Art von kreativer Passivität.

HALTUNG DER MÜHELOSIGKEIT

Wu Wei bedeutet, dass die Handlungen spontan in Einklang mit dem Dao entstehen. Man ist in einem Zustand der inneren Stille. Handelt somit ohne Anstrengung des Willens. Dadurch wird das Handeln leicht und mühelos. Übereifer und blinder Aktionismus werden so vermieden. Man gibt den Potentialen die Möglichkeit, sich zu entfalten, oder anders ausgedrückt, dem natürlichen Lauf der Dinge zu folgen.

Das bringt eine andere Art der Wahrnehmung und Handlung mit sich. Einerseits schult man seine Wahrnehmung für sich abzeichnende Tendenzen. Andererseits erlaubt man diesen Tendenzen, sich in ihrer Wirkung zu entfalten, ohne dass man gross eingreift.

So wie ein Gärtner Pflanzen mit bestimmten Massnahmen, wie beispielsweise Giessen und Düngen, in ihrer Entwicklung begünstigen kann. Ihnen jedoch nicht hilft, wenn er an ihnen zieht, damit sie schneller wachsen.

Wu Wei ist somit auch eine Haltung der Mühelosigkeit. Die wesentlichen Dinge geschehen von allein, und es ist schon viel getan, wenn wir ihnen nicht im Wege stehen.

Beitragsbild: © Isabelle Blum

Orte der Inspiration: Huertas del Algarrobal, das Haus der Wandlung, lebensrichtig.de, Auszeit am Berg

Herzlichen Dank Andreas, Merle und Selina (in alphabetischer Reihenfolge) und allen anderen Menschen am Berg